Zwischen Wasserwechsel und Wirklichkeitsverlust

Da sitze ich also wieder. Über meinen Notizen. Also über dem, was davon übrig ist. Kritzeleien, Stichworte, Pfeile, Fragezeichen. Aquaristik, grob sortiert nach „hab ich gesehen“, „hab ich gehört“, „hab ich gelesen“ und „warum zum Teufel habe ich mir das aufgeschrieben?“.

Aquaristik ist ja kein Hobby. Aquaristik ist ein Zustand. Eine Mischung aus Naturwissenschaft, Geduldsspiel und der festen Überzeugung, dass man mit ausreichend Wasserwechseln jedes Lebensproblem lösen kann. Ich kenne Menschen, die nach Trennungen keinen Therapeuten brauchen – die brauchen einen Eimer und einen Schlauch.

Neueinsteiger fragen Dinge, bei denen man kurz innehält, tief Luft holt und denkt: Ja. Genau so habe ich auch mal angefangen.
Fragen wie:
„Kann ich die Fische nachts rausnehmen, damit sie schlafen?“
Oder: „Müssen Garnelen Gassi?“
Und mein persönlicher Favorit: „Wenn der Fisch tot ist, kann ich den dann wieder einsetzen, wenn er sich beruhigt hat?“

Aquaristik ist eben auch Pädagogik. Nur ohne Lehrplan. Und ohne Erfolgsgarantie.

Dazu kommen Berichte, spannende Beobachtungen und diese wirren Geschichten, die man keinem Menschen außerhalb der Szene erzählen kann. Versuch mal jemandem beim Bäcker zu erklären, warum du seit drei Tagen nicht richtig geschlafen hast, weil irgendwas im Becken anders gluckert. Der guckt dich an, als hättest du gerade gesagt, dass der Toaster mit dir spricht.

Apropos Gluckern:
Es gibt diesen Moment, wenn man nachts aufwacht, weil man sicher ist, ein Aquarium macht ein Geräusch. Man steht auf. Barfuß. Um drei Uhr morgens. Und stellt fest: Es war der Kühlschrank.
Aber der könnte auch bald Probleme machen.

Aquaristik eben. Wahnsinn trifft normales Leben. Und gewinnt meistens nach Punkten.

Und dann gibt es Neuigkeiten. Zum Beispiel den Podcast „Wasserwechsel“. Frisch, interessant, sehr gut gemacht. Mein Geheimtipp – was heute heißt, dass man ihn nur noch mit leicht verschwörerischem Nicken empfiehlt. „Hör mal rein… aber sag nicht, dass ich’s dir gesagt hab.“
Und dann sitzt man plötzlich im Auto, hört einen Podcast über Wasserchemie und denkt: Ja. Genau deswegen bin ich erwachsen geworden.

Jaaaa… und dann wäre da noch mein neues Projekt.
L-Welse.

Junge.

Das ist eine Welt, die mir bisher komplett durch die Finger geglitten ist. Wie ein nasser Fisch. Und jetzt sitze ich da, lese mich fest, verliere mich in Nummern, Herkunftsgebieten und Namen, die klingen wie WLAN-Passwörter mit Migrationshintergrund. Und irgendwann dieser Moment: Mist. Ich bin angefixt.

Also entsteht jetzt ein echtes Welsbecken. Die Erwartung ist wie bei einem Kleinkind vor Weihnachten. Nur dass das Kleinkind nicht stundenlang vor leerem Glas sitzt und flüstert: „Hier könnte dann die Wurzel hin.“

Neulich stand ich zehn Minuten vor dem leeren Becken und habe genickt. Zustimmend.
Zu mir selbst.
Meine Frau kam rein, sah mich, sah das leere Aquarium – und ging kommentarlos wieder raus. Das tat mehr weh als jedes Wort.

Die ersten Vorbereitungen laufen. Es wird gemessen, geplant, umgebaut, verworfen. Man kauft Dinge, von denen man vorher nicht wusste, dass sie existieren. Und erklärt Leuten Sätze wie:
„Nein, das ist kein Holz. Das ist Struktur.“

Aber dazu bald mehr.
Ich muss jetzt zurück zu meinen Notizen. Oder dem, was davon übrig ist.
Aquaristik wartet nicht.
Und der Wahnsinn… der hat schon den Schlauch angeschlossen. 🐟😄

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