**Warum ein Diskus im 60-Liter-Becken ungefähr so sinnvoll ist wie ein Labrador im Toaster – oder: Gedanken beim nächtlichen Internet-Herumirren**

Neulich, irgendwann zwischen „Ich wollte nur kurz etwas nachschauen“ und „Warum ist es plötzlich halb zwei nachts“, stolpere ich im Internet über ein Wort, das klingt wie eine Mischung aus Steuerformular und Yogakurs: **Positivliste**.

In der Aquaristik.

Positivliste bedeutet: Es gibt eine Liste mit Tieren, die man halten darf. Alles andere… eher nicht.

Quasi der Türsteher unter den Tierarten.

„Du kommst rein. Du nicht. Und du schon gar nicht.“

Die Idee dahinter ist erstmal gar nicht schlecht. Im Gegenteil. Sie hat sogar etwas sehr Vernünftiges. Die Grundidee lautet nämlich: Vielleicht sollten nicht unbedingt alle Tiere verkauft werden, die irgendwo schwimmen, krabbeln oder aussehen wie ein außerirdischer Staubsauger.

Denn seien wir ehrlich: In vielen Wohnzimmern läuft Aquaristik ungefähr so ab wie Möbelkauf bei Kerzenlicht.

„Der Fisch muss zum Sofa passen.“

Und dann sitzt da plötzlich ein **Diskusfisch** in einem **60-Liter-Aquarium**.

Der Diskus ist übrigens ein Fisch, der Wasserbedingungen ungefähr so präzise mag wie ein Chirurg seine Werkzeuge. Warmes Wasser, weiches Wasser, Platz, Struktur, Gesellschaft.

Was er bekommt:

Ein Becken, das ungefähr die Größe einer Salatschüssel hat.

Dekoration:

Zwei Plastikpflanzen.

Ein Totenkopf.

Und ein Taucher, der alle drei Minuten Luftblasen furzt.

Der Diskus schwimmt dann da drin herum und denkt vermutlich:

„Das Amazonasbecken war anders.“

Aber im Internet liest man dazu dann Kommentare wie:

„Der muss sich da doch auch wohlfühlen.“

Natürlich.

Ich würde mich auch wohlfühlen, wenn man mich dauerhaft in einem Gäste-WC wohnen lässt. Mit einer Zimmerpflanze und einem Poster von Mallorca.

Das Problem ist nämlich gar nicht böse Absicht. Wirklich nicht. Die meisten Menschen mögen ihre Fische. Nur leider endet die Vorbereitung oft ungefähr hier:

1. Aquarium gekauft

2. Wasser rein

3. Fische ausgesucht, die hübsch aussehen

Recherche?

„Der Verkäufer meinte, das geht.“

Der Verkäufer sagt übrigens über fast jeden Fisch:

„Die werden nicht so groß.“

Das gilt auch für Arten, die ausgewachsen aussehen wie ein schlecht gelaunter Staubsaugerroboter.

Und da kommt diese Positivliste ins Spiel. Die Idee: Nur noch Tiere verkaufen, die relativ unkompliziert sind.

Also eher **Poecilia reticulata** als die Diva des Amazonas.

Robuste Fische. Anfängerfreundlich. Keine Spezialfälle. Keine Wasserchemie-Doktorarbeiten.

Auf dem Papier klingt das fantastisch.

Die Schwierigkeit beginnt nur leider an dem Punkt, an dem jemand versucht, die komplette Aquaristik in eine Excel-Tabelle zu pressen.

Denn Aquaristik besteht nicht nur aus Leuten mit einem 54-Liter-Starterset und einer Schatztruhe aus Plastik.

Da gibt es auch diese anderen.

Die Verrückten.

Die mit Aquarienkellern.

Mit Wasserwert-Messgeräten, die aussehen wie medizinische Geräte.

Mit Zuchtprojekten für seltene Arten.

Menschen, die mehr Zeit damit verbringen, über pH-Werte zu sprechen als über ihre eigene Familie.

Und genau diese Leute sorgen oft dafür, dass seltene Arten überhaupt noch existieren.

Wenn man Pech hat, verschwinden genau diese Arten aus dem Hobby, weil sie auf keiner Positivliste stehen.

Und dann haben wir am Ende eine Aquaristik, die ungefähr so abwechslungsreich ist wie das Fischangebot in der Tiefkühltruhe.

Seelachs.

Nochmal Seelachs.

Und zur Abwechslung: Fischstäbchen.

Das eigentliche Problem sitzt nämlich nicht im Aquarium.

Es sitzt davor.

Der Fisch kann nicht sagen:

„Entschuldigung, ich brauche eigentlich 300 Liter.“

Der schwimmt einfach weiter.

Und hofft wahrscheinlich still, dass irgendwann jemand vorbeikommt, der sich vor dem Kauf wenigstens fünf Minuten länger informiert hat.

Oder der auf die völlig verrückte Idee kommt, dass ein Tier vielleicht mehr sein könnte als ein lebendes Möbelstück mit Flossen.

Wenn das passieren würde, bräuchte man vermutlich gar keine Positivliste.

Dann würde gesunder Menschenverstand reichen.

Und der wäre in der Aquaristik wirklich mal eine ziemlich positive Entwicklung.

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