Warum eigentlich Fische halten?

Eine Kolumne mit Flossen, Witz und einem Hauch Sarkasmus

Manchmal frage ich mich: Wer kam eigentlich auf die Idee, Fische ins Wohnzimmer zu stellen? Ich meine – das Meer ist ja groß genug. Da passen ein paar mehr Liter rein als in mein Becken. Aber dann fällt mir wieder ein: Das Leben begann im Wasser. Sprich – die Fische waren schon da, als wir Menschen noch überlegt haben, ob man Bananen schält oder gleich so frisst. Respekt, also. Ich sitze also vorm Aquarium, starre ehrfürchtig hinein – und meine Fische starren zurück. Blick Nummer eins sagt: „Wir waren schon hier, bevor ihr Räder erfunden habt.“ Blick Nummer zwei: „Futter. Sofort.“

Die meisten Aquarianer sind aber nicht mit so einer prähistorischen Ehrfurcht gestartet. Nein. Die meisten standen irgendwann bei Bekannten vorm Aquarium, haben Fische gesehen und gedacht: „Ach, guck mal. Die sind ja hübsch.“ Zack – angefixt. Andere blätterten früher in Aquarienbüchern, heute klickt man sich durchs Internet und denkt: „Neons – die Diskokugeln unter den Fischen.“

Und das Hobby hat Suchtpotenzial. Erst eins, dann zwei, dann fünf Aquarien. Irgendwann sitzt du da wie Kapitän Nemo in deinem Wohnzimmer und fragst dich, wann genau du vom Mieter zum Meeresbiologen geworden bist. Du wolltest eigentlich nur ein Haustier – und plötzlich testest du Nitritwerte, als wär’s ein Bewerbungsgespräch im Chemielabor.

Das Beste ist ja: Fische sind still. Hunde bellen, Katzen zerkratzen dir das Sofa – Fische dagegen? Sie gucken nur. Lautlos, vorwurfsvoll. Ein bisschen wie die Schwiegermutter. Nur hübscher. Und sie brauchen kein Katzenklo.

Und dann kommt die Community. Das ist ein ganz eigenes Biotop. Nerd trifft angehenden Nerd – liebevoll gesagt, aber eben auch wahr. Wenn Aquarianer zusammenkommen, wirkt das wie eine Mischung aus Klassentreffen, Chemiekurs und Selbsthilfegruppe. Man stelle sich das mal bildlich vor: Ein Stuhlkreis, alle stellen sich vor. „Hallo, ich bin Peter, und ich habe seit drei Monaten kein neues Becken gekauft.“ – Applaus. „Bleib stark, Peter!“

Kaum einer redet über Fußball oder das Wetter. Nein – hier geht’s um den Leitwert, den besten Bodengrund und ob man Filtermatten auswaschen darf oder ob das schon Gotteslästerung ist. Fremde Menschen beugen sich verschwörerisch über dein Handy, um Bilder deiner Skalare zu sehen – als wären es Ultraschallaufnahmen. Und jeder hat Tipps. Immer. „Bei meinen Panzerwelsen hat das geholfen.“ „Probier’s mal mit Erlenzapfen.“ – Ehrlich, in der Aquaristik hat jeder eine Meinung, und alle liegen irgendwie richtig.

Es ist ein bisschen so, als hätte man sich in eine Familie verirrt, die man nicht gesucht hat – aber die trotzdem perfekt passt. Nur dass bei dieser Familie keiner fragt, wann du endlich Kinder kriegst, sondern nur, ob du schon mal Garnelen gezüchtet hast.

Und ja, manchmal denkt man beim Beobachten: „Mensch, die Fische entspannen mich total.“ Aber mal ehrlich: Wer entspannt hier eigentlich wen? Sitzt du vorm Becken, guckst auf die Fische, Bier in der Hand, denkst: „Ahhh… Wellness pur.“ Am Ende ist es doch so: Nicht du hältst die Fische – die Fische halten dich. Mit jeder Schuppe, jedem Flossenschlag, jedem stummen Blick, der sagt: „Mach das Licht aus, Chef. Wir haben Feierabend.“

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