Ich sitze da, mit einem Kaffee, der so stark ist, dass er mir eben das Du angeboten hat – und stolpere durchs Internet. Schon wieder so ein Satz: *„Unser Aquarienverein steht kurz vor dem Aus.“*
Kurz vor dem Aus! Das klingt nicht nach Verein, das klingt nach Notaufnahme. Gleich kommt einer rein und ruft: „Defibrillator! Schnell! Der Kassenwart hat keinen Puls mehr!“
Und ich denke: Leute… das war mal ein Verein. Mit echten Menschen. Mit echten Macken.
Da war Herbert, der jedem Fisch einen Charakter attestiert hat. „Der ist schwierig.“ – Ja Herbert, der hat auch mehr Sozialkompetenz als du, aber gut.
Und Gisela, die Kuchen gebacken hat, bei dem du dachtest: Entweder werde ich heute glücklich… oder ich sehe morgen das Licht.
Und heute?
„Wir haben uns aufgelöst.“
Als hätte jemand aus Versehen den Verein in Wasser gelegt.
Da macht man sich als alter Monk Gedanken. Woran liegt das?
Mangelndes Interesse?
Ich meine – Aquaristik! Das ist doch Netflix in nass! Da passiert alles: Drama, Mord, Balzverhalten… und keiner zahlt GEZ dafür!
Oder ist es dieser legendäre Vereinsmuff? Dieses Gefühl, dass gleich einer aufsteht und sagt: „TOP 7: Diskussion über die Laminierfolie der Mitgliedsausweise.“
Und du sitzt da und denkst: Ich wollte nur wissen, warum mein Filter klingt wie ein sterbender Staubsaugerroboter.
Vielleicht liegt’s aber daran, dass keiner mehr zündet. Früher gab’s diese Leute. Die kamen rein, haben gesagt: „Freunde! Heute: Buntbarsche!“ – und plötzlich hattest du Gänsehaut. Wegen Fischen!
Heute kommt einer rein und sagt: „Also… äh… wenn keiner was hat… dann…“
Und in dem Moment klappt selbst der letzte noch innerlich zusammen.
Und dann dieses Ehrenamt.
Ehrenamt heute heißt: Du opferst deine Freizeit, damit drei Leute kommen, einer davon schläft, einer meckert – und der dritte fragt, ob’s WLAN gibt.
Work-Life-Balance! Früher war das: Malochen, Verein, Bier, fertig.
Heute ist das: Malochen, zusammenbrechen, Streamingdienst entscheiden lassen, ob du noch Gefühle hast.
Und klar – im Internet findest du heute jede Nische.
Du willst über seltene Schnecken diskutieren? Zack, Forum.
Du willst wissen, warum dein Fisch dich ignoriert? Zack, irgendein Thread mit 400 Antworten und keiner hat Ahnung.
Aber weißt du, was es da nicht gibt?
Gisela mit Kuchen. Herbert mit Halbwissen. Dieses leicht schräge Gefühl von: „Hier bin ich falsch – also genau richtig.“
Vielleicht sterben Vereine nicht, weil sie alt sind.
Vielleicht sterben sie, weil alles glattgebügelt wurde. Weil keiner mehr Bock hat auf Chaos, auf schräge Leute, auf diese herrlich unnötigen Diskussionen, bei denen am Ende keiner recht hat, aber alle zufrieden nach Hause gehen.
Und jetzt kommt der Teil, der wehtut, weil er so simpel ist:
Es könnte jeder was tun. Wirklich jeder. Auch der, der immer sagt: „Ich halt mich da raus.“ – genau du! Du bist gemeint!
Ein bisschen Multimedia hier… warum nicht?
Einer bringt mal ’nen kleinen Vortrag mit Bildern mit. Kein PowerPoint-Massaker mit 87 Folien, sondern einfach: „Guck mal, so sieht mein Becken aus – und so sah’s vorher aus, als ich noch dachte, ich weiß, was ich tue.“
Vielleicht macht einer ’nen Podcast.
Ja, richtig gehört. Zwei Leute, ein Mikro, ein Tisch, der knarzt – und dann wird geredet. Über Fische, über Pleiten, über „Warum ist das Wasser schon wieder grün?“
Das muss kein Radiopreis werden. Das muss nur echt sein.
Und irgendeiner – meistens der, bei dem man es am wenigsten erwartet – setzt sich hin und schreibt seine oft fragwürdig lustigen Gedanken auf. So wie jetzt hier.
Und plötzlich liest das jemand. Und denkt: „Stimmt. So war das. So könnte das wieder werden.“
Es braucht nicht viel. Wirklich nicht.
Kein Marketingkonzept, kein Strategiepapier, kein „Wir müssen uns neu positionieren“.
Man muss einfach mal was machen. Einfach mal wagen. Auch auf die Gefahr hin, dass es schiefgeht. Spoiler: Wird es. Am Anfang immer.
Aber weißt du, was schlimmer ist als scheitern?
Gar nichts mehr versuchen.
Es wäre einfach schade. Richtig schade.
Wenn diese alten Vereine einfach verschwinden.
Wenn da nicht nur die Leute weg sind, sondern auch das Wissen. Dieses schräge, zusammengetragene, manchmal völlig widersprüchliche Wissen, das du in keinem Forum der Welt so bekommst.
Weil Herbert vielleicht viel Quatsch erzählt hat –
aber manchmal eben auch genau den einen Satz, der dir dein Becken gerettet hat.
Und Gisela…
na gut, der Kuchen war ein Risiko.
Aber sie war da.
Und genau darum ging’s doch.
Vielleicht ist das die ganze Revolution:
Nicht warten, dass „der Verein“ was macht.
Sondern einfach selbst mal aufstehen und sagen:
„Ich hab da was.“
Und wenn’s nur ein Kuchen ist.
Oder ’ne schlechte Idee.
Reicht schon.