Taskforce Tatortreiniger: Fünfter Stock, Freitag – und „leer“ war nur ein Gerücht

Der Anruf kam irgendwann mitten in der Woche. So ein Anruf, der sich anhört, als hätte er Hausschuhe an.

„Hallo, Aquarium muss weg.“

Mehr nicht. Kein Kontext, keine Emotion. Drei Worte, die in unserem Universum ungefähr das sind wie „Es ist nichts passiert“ kurz vor dem Weltuntergang.

Wir: „Ja klar, machen wir.“

Termin: Freitag.

Natürlich Freitag. Weil das Leben ein Drehbuch hat und der Autor ein Sadist ist.

Freitag dann. Bulli beladen. Kescher, Eimer, Schläuche, Handtücher und dieses eine ominöse Teil, das immer einer mitbringt und keiner weiß, wofür es ist. Aber wehe, es fehlt – dann braucht man es plötzlich.

Wir, die Taskforce Tatortreiniger. Inoffiziell. Aber moralisch geschniegelt. Wir gehen da rein, wo andere sagen: „Nee, lass mal, ich hab Rücken.“

Ankunft.

Schönes Haus. Altbau. So ein Haus, das schon von außen sagt: „Ich habe Treppen. Viele.“

Tür geht auf. Netter Besitzer. Sympathisch. Zu sympathisch. Das ist immer verdächtig.

Und dann sagt er es. So nebenbei. Als würde er sagen: „Ach übrigens, ich hab auch Petersilie.“

„Ist im fünften Stock.“

Man nickt.

Weil Weinen vor Fremden unangenehm ist.

Aufstieg.

Erster Stock: „Geht noch.“

Zweiter Stock: „Sport ist wichtig.“

Dritter Stock: „Wer hat sich das eigentlich ausgedacht?“

Vierter Stock: „Ich sehe mein Leben wie in einer Diashow.“

Fünfter Stock: Licht. Tunnel. Akzeptanz.

Oben angekommen: wir. Und das Becken.

Und jetzt kommt der Twist.

Es ist leer.

Also wirklich leer. Wasser raus. Kies raus. Technik raus. Die Fische sitzen gesammelt in einem Eimer und gucken wie Fahrgäste, deren Zug einfach nicht mehr kommt.

Und in deinem Kopf passiert etwas ganz Gefährliches:

„Ach… easy.“

HAHA.

Die Taskforce Tatortreiniger kennt dieses Gefühl. Das ist der Moment kurz bevor alles eskaliert. Das ist wie „Ich ess nur einen Keks“ – es bleibt nie bei einem.

Ein leeres Aquarium im fünften Stock ist kein leeres Aquarium. Es ist ein gläserner Amboss mit Vergangenheit.

Der Besitzer sagt stolz:

„Ich hab schon alles vorbereitet.“

Ja. Hat er. Vorbildlich. Eins mit Sternchen. Nur leider hat die Physik nicht mitgeholfen.

Wir stehen davor.

Starren es an.

Es starrt zurück.

Einer klopft dagegen.

DONG.

Das war kein Geräusch, das war eine Warnung.

Die Fische im Eimer verfolgen das Ganze. Komplett entspannt. Die haben Snacks, die haben Wasser, die haben keine Treppen. Für die ist das Netflix.

„Oh guck mal, die Affen tragen Glas.“

Wir packen an.

Anheben.

Und sofort dieses Gefühl, als hätte dir jemand einen Kühlschrank in die Hände gelegt und gesagt: „Ist aber leer.“

Ja. Leer an Hoffnung.

Treppenhaus.

Fünfter Stock.

Erster Schritt.

„Langsam… LANGSAM…“

„Ich bin langsam!“

„Das ist nicht langsam, das ist emotional langsam!“

Die Taskforce arbeitet jetzt im Krisenmodus. Jeder Schritt wird kommentiert wie bei einer Mondlandung, nur dass hier keiner klatscht.

Vierter Stock.

Einer atmet wie ein kaputter Staubsauger.

Dritter Stock.

Niemand redet mehr. Es gibt nur noch Geräusche. Menschliche. Tierische. Unklare.

Zweiter Stock.

Ich bin mir relativ sicher, dass ich kurz meine eigene Hand beleidigt habe.

Erster Stock.

Die Realität löst sich leicht auf. Zeit ist ein Konzept, Gewicht auch, Schmerz sowieso.

Hinter uns: der Eimer.

Gluck.

Gluck.

Die Fische. Ruhig. Zen-Meister.

Wenn die Arme hätten, würden sie Popcorn essen.

„Trag ihn links!“

„ICH BIN LINKS!“

„DEIN ANDERES LINKS!“

Das Aquarium macht nichts. Es ist passiv-aggressiv schwer. So wie ein beleidigter Elefant aus Glas.

Unten.

ABSETZEN.

Dieses Geräusch… wenn es heil bleibt… ich sag’s dir… das ist nicht nur Klang, das ist Erlösung, Wiedergeburt, Steuererstattung und frisches Brot gleichzeitig.

Wir stehen da.

Schief. Nass. Irgendwo tropft was. Wahrscheinlich ich.

Einer hebt den Daumen.

Ein anderer stützt sich auf irgendwas, das nicht stabil ist.

Die Fische blubbern. Gewinner des Tages. Ohne einen einzigen Schritt gemacht zu haben.

Oben: jetzt nichts mehr. Leere. Existenzielle Leere.

Der Besitzer kommt runter, guckt uns an, guckt das Becken an, sagt:

„Schon komisch.“

ICH BIN AUCH KOMISCH, JETZT.

Wir laden ein. Jeder Griff ein kleines Trauma. Jeder Blick sagt: „Nie wieder fünfter Stock.“

Einer sagt dann. Natürlich sagt es einer. Es gibt immer diesen einen:

„War ja leer.“

Die Taskforce Tatortreiniger schaut ihn an.

Lange.

Sehr lange.

Dann lacht einer.

So ein Lachen, das irgendwo zwischen Wahnsinn und Sauerstoffmangel wohnt.

Freitag.

Fünfter Stock.

Leeres Becken.

Ich rieche nach Fisch, Angst und Entscheidungen.

Und irgendwo klingelt schon wieder ein Telefon.

Ich geh nicht ran.

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