Professor Doktor TikTok und die heilige Filtermatte

Es gab einmal eine Zeit, da fragten Aquarianer Menschen, die seit Jahrzehnten erfolgreich Fische hielten. Heute fragt man Kevin. Kevin besitzt seit drei Wochen ein Aquarium und seit vier Tagen einen TikTok-Kanal. Das reicht offenbar für den Professorentitel in digitaler Fischkunde.

Kaum steht das erste Becken im Wohnzimmer, beginnt die Pilgerreise durchs Internet. Dort erklärt einem jemand mit dramatischer Musik und einem Ringlicht im Gegenwert eines Außenfilters, dass Wasserwechsel eigentlich nur eine Erfindung der Wasserwerke seien. Klingt plausibel. Schließlich trägt er eine Basecap rückwärts.

Früher las man Bücher. Heute reicht ein 23-Sekunden-Video, in dem alle drei Sekunden „Das wird DIR keiner sagen!“ eingeblendet wird. Meist deshalb nicht, weil es kompletter Blödsinn ist.

Die moderne Aquaristik folgt inzwischen ganz eigenen Naturgesetzen. Je weniger Ahnung jemand hat, desto größer muss die Schrift im Thumbnail sein. Wer „GEHEIMTIPP!!!“ schreibt, hat grundsätzlich entweder gerade sein erstes Aquarium eingerichtet oder versucht, Algen als Lifestyle zu verkaufen.

Besonders liebe ich diese Experten, die jedes Video mit den Worten beginnen: „Seit Jahren mache ich…“ – und wenn man genauer hinsinschaut, ist das Aquarium auf den ersten Bildern noch gar nicht eingefahren.

Dann kommen die Kommentare.

„Diesen Filter braucht kein Mensch.“

„Filter töten die natürliche Energie.“

„Ich filtere nur mit guten Gedanken.“

Ach so.

Warum haben wir eigentlich jahrzehntelang Filter entwickelt? Hätte man doch einfach regelmäßig positiv ins Becken lächeln können.

Neulich erklärte einer allen Ernstes, Garnelen würden sich wohler fühlen, wenn man Edelsteine ins Aquarium legt. Der nächste empfiehlt WLAN-Steine. Vermutlich für besseren Empfang zwischen den Guppys.

Ich warte eigentlich nur noch auf den ersten Influencer, der behauptet, Diskusfische würden glutenfrei länger leben.

Das Schöne am Internet ist ja: Jeder darf seine Meinung haben.

Das Gefährliche am Internet ist: Manche verwechseln Meinung mit Fachwissen.

Plötzlich diskutiert jemand, der gestern noch Hamstervideos kommentiert hat, mit einem Aquarianer, der seit 40 Jahren erfolgreich züchtet. Und erstaunlicherweise gewinnt der Typ mit den meisten Emojis.

Die Wissenschaft hat dagegen einen schweren Stand. Sie arbeitet mit Messwerten, Erfahrung und Biologie. Das Internet arbeitet mit Ausrufezeichen, Caps Lock und dramatischer Hintergrundmusik.

Rate mal, wer mehr Klicks bekommt.

Und dann sind da noch die Anfänger. Die Armen.

Sie wollen alles richtig machen. Also hören sie auf 27 verschiedene Kanäle. Jetzt wechseln sie gleichzeitig zu viel Wasser, zu wenig Wasser und gar kein Wasser. Sie füttern Proteinfutter, Fastenfutter und Mondphasenfutter. Der Filter läuft rückwärts, weil irgendein Guru behauptet hat, so werde das Wasser spiritueller.

Der Nitritwert hat inzwischen eine eigene Postleitzahl.

Natürlich gibt es im Netz hervorragende Aquarianer. Menschen mit echtem Wissen, jahrzehntelanger Erfahrung und beneidenswert gesunden Becken. Das Problem ist nur: Die erklären ruhig, differenziert und ohne Sirenengeräusche, warum etwas funktioniert.

Langweilig.

Viel aufregender ist doch der Typ, der behauptet, man müsse nur einen Esslöffel Einhornstaub, drei Tropfen Mondwasser und den rechten Socken eines Axolotls ins Aquarium werfen. Danach seien alle Probleme gelöst.

Sind sie auch.

Denn dann hat man ganz andere.

Vielleicht sollten wir uns einfach daran erinnern, dass Fische erstaunlich wenig Interesse an Algorithmen haben. Sie möchten sauberes Wasser, stabile Werte und einen Halter, der mehr recherchiert als bis zum dritten Reel.

Denn nur weil jemand in die Kamera zeigt, dramatisch flüstert und „Die Zoohändler hassen diesen Trick!“ ruft, wird aus Unsinn noch lange kein Fachwissen.

Aber immerhin hat der Algorithmus wieder etwas zu fressen.

Die Fische hätten allerdings lieber Frostfutter.

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