Es gibt Menschen, die sagen: „Ein Aquarium? Ach, das ist doch nur so ein Glaskasten mit nassen Möbeln drin.“
Und ich sitze da, starre in mein Becken, sehe einem Garnelenpärchen beim diskreten Seitwärtstanz zu und denke: Du hast ja keine Ahnung, Kollege.
Aquaristik ist nämlich nicht nur ein Hobby. Das ist ein Paralleluniversum. Ein nasses. Mit besseren Charakteren.
Während andere nach Feierabend Fußball schauen oder sich durch Trash-TV kämpfen, stehe ich mit einem Schlauch im Wohnzimmer und mache Wasserwechsel. Punkmusik läuft. Irgendwas Schnelles, Lautes. Die Nachbarn denken wahrscheinlich, ich spüle einen rebellischen Ozean durch meine Wohnung. Und ein bisschen stimmt das ja auch.
Zwischen Arbeit, Familie und dem ganz normalen Wahnsinn – Rechnungen, Termine, „Hast du dran gedacht?“ – gibt es diesen einen Moment: Licht an, Blubber an, Welt aus. Dann sitzt du da und guckst. Einfach nur gucken. Wie ein Fisch… nur trockener.
Und plötzlich wird aus „nur ein Hobby“ sowas wie Meditation mit Flossen.
Was mich immer wieder fasziniert: Diese Ruhe im Becken. Während draußen alles schreit – Nachrichten, Deadlines, Menschen, die in Meetings Sätze sagen wie „Da müssen wir nochmal drauf schauen“ – gleitet im Aquarium ein Fisch vorbei, als hätte er nie von Stress gehört. Der hat keinen Kalender. Der hat keinen Chef. Der hat maximal einen Stein, der ihm nicht passt.
Und dann gibt es diese Momente, die kann man keinem erklären, der nicht selbst Aquarianer ist.
Zum Beispiel, wenn du eine Pflanze neu setzt und am nächsten Morgen steht sie da wie ein grüner Superheld, als hätte sie nachts heimlich Proteinshakes getrunken. Oder wenn du Nachwuchs entdeckst. Winzig. Kaum größer als ein Komma. Und du denkst: Ich bin jetzt quasi Großelternteil.
Natürlich gibt es auch die andere Seite. Die Diskussionen.
„Warum so viel Technik?“
„Warum so wenig Technik?“
„Warum überhaupt Fische?“
Aquaristik ist ein bisschen wie Politik – jeder hat eine Meinung und alle sind überzeugt, dass ihre die richtige ist.
Der eine schwört auf High-Tech mit CO₂-Anlage und Licht, das vermutlich auch Flugzeuge einweisen könnte. Der nächste sagt: „Ich hab hier ’nen Eimer, da läuft’s auch.“
Und irgendwo dazwischen sitze ich und denke: Leute, Hauptsache, die Fische sind zufrieden und keiner versucht, ihnen WLAN einzurichten.
Was ich besonders mag: die kleinen, stillen Geschichten.
Ein Fisch, der immer denselben Weg schwimmt.
Eine Schnecke, die aussieht, als hätte sie einen wichtigen Termin.
Oder dieser eine Moment, wenn alles perfekt wirkt. Licht, Pflanzen, Bewegung. Wie ein lebendes Gemälde, nur ohne Museumswärter, der dich schief anguckt.
Und dann, ganz plötzlich, bist du wieder im echten Leben.
Das Telefon klingelt.
Der Müll muss raus.
Jemand fragt, was es zu essen gibt.
Und du stehst da, noch mit nassen Händen vom Wasserwechsel, Punkmusik läuft immer noch im Hintergrund, und irgendwo zwischen Schlauch und Eimer merkst du:
Aquaristik ist nicht alles. Aber sie ist genau das bisschen mehr, das den Rest erträglicher macht.
So ein ruhiger Gegenpol.
Ein kleines Stück Welt, das funktioniert, wenn man sich kümmert.
Und ganz ehrlich: Wenn ich wählen müsste zwischen einem schlechten Tag draußen und zehn Minuten vor dem Aquarium – ich nehme die zehn Minuten.
Mit Blubbern.
Und einem Fisch, der mich anguckt, als wüsste er mehr als ich.