Sonntag, 28 August 2016 10:09

Die Vorteile von in vitro-Pflanzen

geschrieben von  Holger Schaab
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Was sind in vitro-Pflanzen?

Zuerst einmal zu dem aus dem Lateinischen entlehnten Begriff "in vitro": Die Übersetzung hiervon heißt "im Glas". Das mag erst einmal überraschen, leitet sich aber von der Herkunft dieser Pflanzen ab. Denn anders als herkömmliche Aquarienpflanzen, werden diese Pflanzen nicht in Gewächshäusern auf Steinwolle oder anderen Substraten herangezogen, sondern stammen aus Erlenmeyerkolben und Petrischalen aus dem Labor. Pflanzen aus dem Labor – geht das überhaupt? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich einen kurzen Blick in die noch junge Geschichte der in vitro-Pflanzen werfen.

Kurze Geschichte der in vitro-Pflanzen

Tatort waren die Jungpflanzenbetriebe im Produktionsgartenbau, Tatzeit die späten 60'er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Durch starken Infektionsdruck verschiedener Virosen brachen zahlreiche Mutterpflanzenbestände, insbesondere von Geranien und Weihnachtssternen, zusammen. Was tun?

Zu diesem Zeitpunkt wusste man bereits, dass die Meristeme (Bildungsgewebe) der Pflanzen, so z. B. der Vegetationspunkt an der Triebspitze, immer keimfrei sind. So entnahm man im Labor Meristeme von Pflanzen und brachte diese in ein steriles, flüssiges Nährmedium. Diese Gewebeklumpen bildeten dann in kurzer Zeit organisierte Zellen und zwar zur Schwerkraft hin eine oder mehrere Wurzeln und entgegen der Schwerkraft Sprosse. Diese Eigenschaft, die alle Pflanzen besitzen, nennen die Botaniker Geotropismus. Da man aber mehr Pflanzen als entnommene Meristeme gewinnen wollte, änderte man die Zusammensetzung der Phytohormone im Nährsubstrat und täuschte den Zellen durch schnell kreisende Bewegungen des Gefäßes schräg zur Oberfläche einen fehlenden Geotropismus vor. Darauf reagierten die Zellklumpen mit einer ungeordneten Zellteilung. Wir nennen das auch Kalluswucherung. Nachdem man genügend meristematisches Ausgangsmaterial hatte, entnahm man kleine Teile und setzte diese einzeln auf ein geeignetes Nährsubstrat – diesmal ohne kreisende Bewegungen. Kurz darauf begannen diese kallösen Zellen, so wie schon oben beschrieben, sich zu differenzieren – also Wurzeln und Sprosse zu bilden. Dies war die Geburtsstunde der heutigen, inzwischen sehr ausgefeilten, in vitro-Kultur.

In vitro-Pflanzen in der Aquaristik

Die in kleinen Kunstofftöpfchen gehandelten in vitro-Aquarienpflanzen weisen folgende Eigenschaften auf:

  • Sie sind frei von Krankheiten und Parasiten, z. B. Planarien.
  • Sie sind frei von Schnecken und Schneckeneiern. Sie wachsen ohne Umgewöhnung sehr schnell unter submersen (= unter Wasser) Bedingungen an.
  • Die meisten Pflanzenarten, bes. Bodendecker, sind sehr ergiebig und daher im Vergleich zu Pflanzen auf Steinwolle in Gittertöpfen sehr günstig.
  • Bei in vitro-Pflanzen werden oft seltene Pflanzenarten und -sorten angeboten, die sonst weder im Endverkauf noch im Versandhandel erhältlich sind.
  • Sie müssen nach Erhalt nicht direkt gepflanzt, sondern können an einem kühlen, hellen Ort bis zu mehre Wochen aufbewahrt werden.
  • Sie müssen, anders als Pflanzen in Steinwolle und Gittertopf, vor dem Pflanzen nicht gewässert werden, da Spross und Blätter weder mit Pestiziden noch mit Dünger in Berührung gekommen sind.

Bunte Mischung verschiedenster in vitro-Töpfchen

Bunte Mischung verschiedenster in vitro-Töpfchen, und zwar von links nach rechts und oben nach unten:

  • Australisches Zungenblatt (Glossostigma elatinoides)
  • eine neue Form des Papageienblattes (Althernanthera reineckii "Purple")
  • Daonoi (Pogostemon helferi)
  • Neue Rotala-Form (Rotala sp. "Pearl")
  • Helanthium bolivianum "quadricostatus"
  • Grasblättriger Wasserschlauch (Utricularia graminifolia)

Wo erwerbe ich in vitro- Pflanzen?

Da Pflanzen in kleinen Kunststoffbehältern für den Käufer noch ungewohnt sind und daher oft noch mit Skepsis gesehen oder gar übersehen werden, ist ihr Angebot im Aquarienfachhandel oft noch gering. Im Versandhandel, meist über das Internet zugänglich, gibt es jedoch Firmen, die bis zu 70 verschiedene Arten und Sorten als in vitro-Ware anbieten. Der Versand stellt bei frostfreiem Wetter kein Problem dar. Der Kaufpreis kann bei derselben Pflanzenart für ein kleines Pflanzentöpfchen (50 g) je nach Anbieter zwischen 3,90 EUR und 7,50 EUR schwanken. Da die gelieferte Ware aus der Anzucht von weniger als fünf hierauf spezialisierten Produktionsfirmen stammt, ist Qualität gewährleistet, und ein Preisvergleich zwischen den einzelnen Anbietern lohnt immer. Wieviel Pflanzentöpfchen benötige ich und wann sind herkömmliche Pflanzen angebrachter? Bei bodendecken Pflanzen, wie z. B. Kubaperlkraut, Nadelsimse, Australisches Zungenblatt u. v. a., entspricht ein kleiner in vitro-Becher (50 g) mindestens drei bis vier Gittertöpfen herkömmlicher Pflanzen der gleichen Art. Dies ist oft nicht bewusst, und daher werden manchmal zu viel in vitro-Becher gekauft.

Die Ausbeute ist bei allen Bodendeckern, Vordergrund- und Stängelpflanzen gut bis sehr gut. Allerdings sollte man sich ganz besonders bei Stängelpflanzen vor dem Kauf fragen, ob die recht große Menge auch benötigt wird. Denn ist ein in vitro-Becher einmal angebrochen, sollte er binnen weniger Tage auch verwendet werden. Hier lohnt eine gemeinsame(r) Kauf oder Bestellung mit einem anderen Aquarianer.

Bei Cryptocorynen, Anubias-Arten und -Sorten sowie Moosen haben in vitro-Becher nur eine recht geringe Ausbeute, so dass hier, Raritäten ausgenommen, Pflanzen im Gittertopf vorzuziehen sind.

Aufbereitung und Pflanzung

So wie konventionell kultivierte Pflanzen von Gittertopf und Steinwolle befreit werden müssen, so muss bei in vitro-Pflanzen das Nährsubstrat sorgfältig ausgewaschen werden. Das ist nicht immer ganz einfach und benötigt neben einer gewissen Feinmotorik auch ein wenig Geduld. Danach werden Stängel- und Rosettenpflanzen in einzelne Pflanzen aufgeteilt. Bei den bodendeckenden Pflanzen teilen wir in Tuffs von drei bis fünf Einzelpflänzchen auf. Da bei diesen Pflanzen das Wurzelwachstum im Nährmedium meist gering ist, kann auf ein Einkürzen oft verzichtet werden. Wegen ihrer Zierlichkeit ist bei allen in Vitro-Pflanzen eine Pinzette unerlässlich.

In vitro-Pflanzen werden in praktischen Verkaufsdisplays präsentiert

In vitro-Pflanzen werden in praktischen Verkaufsdisplays präsentiert.

Helanthium tenellum green

Neue Form der Grasartigen Zwergschwertpflanze (Helanthium tenellum "Green"); hier ist das Nährgel größtenteils schon ausgewaschen. Unten auf der Handfläche sind noch Reste hiervon zu sehen.

Rotala-Form (Rotala sp. Pearl)

Einzelnes in vitro-Töpfchen mit einer neuen Rotala-Form (Rotala sp. "Pearl").

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