Aquaristik ist eigentlich ruhig. Also theoretisch. Praktisch gluckert es, summt es und irgendwo starrt einen ein Fisch an, als hätte man etwas versprochen und nicht eingehalten.
Und dann sagt ein Aquarienfreund diesen Satz, der klingt wie eine höfliche Drohung:
„Ich löse mein Hobby auf.“
Das sagt man nicht einfach so. Das sagt man, wenn man nachts von Filterschläuchen träumt und morgens von Guppys gezählt wird.
Wir hören dabei nur ein Wort.
Guppys.
Denn Guppys sind kein Fisch. Guppys sind eine Meinung. Man kauft drei. Vielleicht vier. Einfach, um zu sehen, wie sie so sind. Zwei Wochen später sind sie überall. Im Becken. Im Kopf. Emotional. Man zählt sie – und verliert das Zeitgefühl.
Becken weg. Technik weg. Der innere Frieden auch.
Aber der Besatz bleibt.
In Mengen, bei denen selbst der Filter kurz innehält und über Sinnfragen nachdenkt.
Und dann passiert etwas, das sehr schnell sehr unkoordiniert wird.
Die Community hilft. Sofort. Ohne Plan. Mit Enthusiasmus und falschen Annahmen.
„Was ist da drin?“
„Alles.“
„Okay.“
Egal was an Besatz vorhanden ist – es wird irgendwie untergebracht. Nicht gut. Nicht schön. Aber moralisch korrekt.
Guppys, Mollys, Welse, Schnecken mit offener Midlife-Crisis – Aquarianer haben diese Gabe, Raum zu schaffen, wo vorher nur Steckdosen und Reue waren.
„Ich hab da noch ein Becken.“
Niemand weiß, woher. Aber es ist da. Immer.
„Kurzzeitig“, sagt jemand.
Kurzzeitig heißt: bis sich jemand wieder erinnert, warum er dieses Hobby eigentlich liebt. Oder hasst. Oder beides.
Und dafür sind Vereine da. Nicht nur für Sitzungen, bei denen niemand weiß, warum sie so lange dauern, sondern als Ansprechpartner, wenn jemand sagt:
„Ich schaff das nicht mehr.“
Dann sagt keiner: „Tja.“
Dann sagt man: „Gib her. Wir kriegen das schon hin.“
Und meint damit: Wir improvisieren so lange, bis es sich richtig anfühlt.
Und der Kollege, der seinen Besatz abgibt, ist ja nicht weg. Der löst sich nicht in Mulm auf. Der steht später wieder am Beckenrand, zeigt auf einen Guppy und sagt:
„Der da… der war mal meiner.“
Und der Guppy guckt zurück, kaut auf irgendwas Unsichtbarem herum und denkt:
Ja. Und jetzt bin ich Teil eines größeren Plans. Oder auch nicht.
Am Ende ist nichts perfekt. Die Becken sind voller. Die Kabel kürzer. Die Sicherungen nervös.
Aber niemand ist allein geblieben.
Nicht der Kollege.
Nicht die Fische.
Nicht wir.
Aquaristik ist kein Hobby.
Es ist eine lose organisierte Selbsthilfegruppe mit Wasseranschluss.
Und wenn einer aufhört, dann hören die anderen kurz mit auf –
nur um ihm den Besatz abzunehmen.
Und das ist irgendwie schön.
Unordentlich.
Viel zu viele Guppys.
Aber schön.