Die Männer mit den Fischen in den Umschlägen

Es gibt Vereine, von denen erfährt man zufällig. Zum Beispiel, weil man sich im Internet verklickt. Eigentlich wollte ich nach einer Anleitung suchen, wie man einen Drucker dazu bringt, überhaupt zu drucken. Stattdessen lande ich bei der Deutschen Killifisch Gemeinschaft.

Killifische.

Das klingt erst einmal wie eine Heavy-Metal-Band aus Wanne-Eickel.

„Guten Abend Dortmund! Wir sind KILLIFISCH! Hier kommt unser neuer Song: Laich mich nicht voll!

Ist aber falsch.

Killifische sind eierlegende Zahnkarpfen. Schon dieser Begriff wirkt wie ein biologischer Unfall. Eierlegend. Zahnkarpfen. Als hätte die Evolution kurz vor Feierabend gesagt: „Ach komm, kleb noch Zähne dran, ich will nach Hause.“

Und nun gibt es Menschen, die diesen Tieren ihr Herz schenken.

Die Deutsche Killifisch Gemeinschaft, kurz DKG, wurde 1969 gegründet. Ein Jahr, in dem die Menschheit auf dem Mond landete und irgendwo in Deutschland vermutlich jemand sagte: „Ja gut, Mond schön und gut. Aber was ist eigentlich mit den Zahnkarpfen?“

Eine berechtigte Frage.

Heute zählt die DKG rund 700 Mitglieder. Etwa 200 davon leben im Ausland. Das finde ich bemerkenswert. Denn offenbar gibt es Menschen in anderen Ländern, die morgens aufstehen und denken: „Deutschland. Autos. Brot. Philosophie. Und diese Leute mit den Killifischen.“

Die DKG widmet sich der Pflege, Verbreitung und Arterhaltung dieser faszinierenden Tiere. Das klingt zunächst unspektakulär, ist aber tatsächlich ein kleines Wunder. Viele Killifischarten leben in der Natur in Lebensräumen, die verschwinden oder sich verändern. Manche Arten existieren in Aquarien mittlerweile sicherer als in ihren ursprünglichen Gewässern.

Das muss man sich mal vorstellen.

Während ich regelmäßig Zimmerpflanzen vernichte, die ausdrücklich als „pflegeleicht“ verkauft wurden, gelingt es anderen Menschen, seltene Fischarten über Generationen zu erhalten.

Mit System.

Mit Wissen.

Mit Geduld.

Vor allem mit Geduld.

Wer sich mit Killifischen beschäftigt, sammelt nicht einfach Tiere. Er sammelt Informationen. Fundorte. Zuchtlinien. Erfahrungen. Die Leute führen Aufzeichnungen, die präziser sind als meine gesamte Steuererklärung.

Über Deutschland verteilt gibt es Regionalgruppen und Stammtische. Das Wort Stammtisch löst bei vielen sofort Bilder von Fußball, Bier und Diskussionen über die korrekte Grilltemperatur einer Bratwurst aus.

Hier nicht.

Hier sitzen Menschen zusammen und sprechen über Wasserwerte, Eier, Fundorte in Mosambik und die Frage, warum ein Fisch plötzlich beschlossen hat, nur noch rückwärts zu gucken.

Und Gäste sind willkommen.

Das gefällt mir.

Denn echte Begeisterung erkennt man daran, dass man sie teilen möchte.

Einige Regionalgruppen veranstalten sogar sogenannte Killifisch-Tage. Das sind Treffen, die weit über einen normalen Vereinsabend hinausgehen. Vorträge, Erfahrungsaustausch, Fischbörsen, Begegnungen mit Menschen, die wissen, warum ein fünf Zentimeter langer Fisch wissenschaftlich spannender sein kann als manche Fernseh-Talkshow.

Wobei das zugegeben keine besonders hohe Messlatte ist.

Der Höhepunkt des Vereinsjahres ist die Leistungsschau, die traditionell am Wochenende von Christi Himmelfahrt stattfindet.

Leistungsschau.

Das klingt zunächst nach Bundesjugendspielen für Fische.

Aber tatsächlich treffen dort Züchter und Liebhaber aus vielen Ländern zusammen. Seltene Arten werden gezeigt, Erfahrungen ausgetauscht und Kontakte gepflegt. Es ist gewissermaßen die Champions League der Zahnkarpfen.

Mit deutlich weniger Fallschwalben.

Und dann gibt es noch die Vereinszeitschriften. Sechs Mal im Jahr erhalten die Mitglieder das „DKG Journal“ und „DKG aktuell“.

Ich liebe solche Vereinshefte.

Weil dort Menschen schreiben, die nicht schreiben, um berühmt zu werden. Sondern weil sie etwas wissen. Und weil sie möchten, dass dieses Wissen erhalten bleibt.

Genau darum geht es letztlich.

Nicht nur um Fische.

Sondern um Leidenschaft.

Um Menschen, die sich tief in ein Thema eingraben, bis sie Dinge entdecken, die andere nie bemerken würden.

Die Welt wird meistens von den Lauten wahrgenommen.

Aber erhalten wird sie oft von den Stillen.

Von Leuten, die an einem Samstagmorgen in einer Halle stehen und begeistert erklären können, warum ein kleiner Fisch aus einem afrikanischen Tümpel etwas Besonderes ist.

Und vielleicht ist das die eigentliche Lehre.

Jeder Mensch braucht etwas, für das er sich begeistern kann.

Der eine sammelt Briefmarken.

Der andere restauriert Traktoren.

Und wieder andere retten eierlegende Zahnkarpfen vor dem Vergessen.

Wenn man genau hinsieht, sind das die vernünftigsten Leute von allen.

Sie haben nämlich etwas gefunden, das heute selten geworden ist:

Ein Hobby, das nicht ständig Aufmerksamkeit verlangt, sondern Hingabe.

Und das ist, ganz ohne Ironie, ziemlich bemerkenswert.

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