Es gibt in meinem großen Aquarium eine Truppe Corydoras paleatus. Gepanzerte Winzlinge. Sehen aus, als hätte jemand einen Staubsauger mit einem Ritterhelm gekreuzt. Ich halte sie schon länger. Und sie machen das, was Panzerwelse offenbar am liebsten tun: Eier produzieren wie eine schlecht eingestellte Konfettikanone.
Überall.
An Scheiben. An Pflanzen. An Technik. Vermutlich würden sie auch den Kaffeebecher bekleben, wenn der lange genug am Aquarium stünde.
Jetzt wird jeder Halter wissend nicken. Man entdeckt die Eier, freut sich wie ein Kind an Weihnachten – und zwei Tage später sind sie entweder verpilzt oder verschwunden. Von den Eltern fachgerecht entsorgt. Panzerwelse kennen beim Nachwuchs ungefähr so viel Sentimentalität wie ein Mähdrescher beim Löwenzahn.
Jedes Mal denke ich: Diesmal vielleicht.
Und jedes Mal antwortet das Aquarium mit einem kollektiven Schulterzucken.
Doch dieses Mal war etwas anders.
Die Eier wurden dunkel.
Für Außenstehende klingt das erstmal nach einem Grund, den Tierarzt zu rufen. Für Aquarianer ist das ungefähr so aufregend wie zwei Striche auf einem Schwangerschaftstest. Dunkel heißt: Da lebt was drin. Kleine Welsbabys. Mit Schnurrbart in Planung.
Also begann eine Operation, bei der ich mich fühlte wie ein Herzchirurg auf Koffein. Vorsichtig wurden die Eier aus dem großen Aquarium geholt und in ein eigenes kleines Habitat umgesetzt. Jeder Handgriff begleitet von der Angst, dass ich gleich das gesamte Projekt mit einem ungeschickten Finger beende.
Dann hieß es warten.
Aquaristik besteht zu neunzig Prozent aus Warten. Die übrigen zehn Prozent bestehen aus Wasserwechseln und der Frage: „Warum macht diese Pflanze jetzt schon wieder das?“
Und dann passierte es.
Eines Morgens klebte da kein Ei mehr.
Stattdessen bewegte sich etwas.
Winzig. Durchsichtig. Mit einem Dottersack, der größer wirkte als der Rest des Körpers. Es sah aus, als hätte jemand ein Komma zum Leben erweckt.
Mein erster Gedanke war erstaunlich erwachsen.
Mein zweiter war: „Nicht sterben. Bitte einfach nicht sterben.“
Man entwickelt plötzlich Gefühle für Tiere, die kleiner sind als ein Reiskorn. Man sitzt minutenlang vor dem Becken und beobachtet, wie sie… eigentlich gar nichts tun. Und trotzdem ist das spannender als so manche Serie.
Vielleicht, weil man weiß, wie viele Anläufe es gebraucht hat.
Wie oft aus Hoffnung Enttäuschung wurde.
Und wie viel Glück manchmal dazugehört.
Diese kleinen Panzerwelse wissen nichts von Erwartungen. Sie wissen nichts von Erfolgen oder Misserfolgen. Sie schlüpfen einfach. Schwimmen los. Tun das, was das Leben eben von ihnen verlangt.
Vielleicht könnten wir Menschen uns davon eine Scheibe abschneiden.
Nicht jedes Gelege wird etwas. Nicht jeder Plan geht auf. Manchmal verpilzt eine Idee, manchmal wird sie von den Umständen einfach aufgefressen. Und dann gibt es diesen einen Versuch, bei dem plötzlich Leben drin steckt.
Den erkennt man nicht daran, dass alles perfekt läuft.
Sondern daran, dass man morgens vor einem kleinen Aquarium sitzt, grinst wie ein Honigkuchenpferd und sich über ein paar Millimeter Fisch freut, als hätte man gerade persönlich den Weltfrieden ausgehandelt.
Die Großen ziehen weiter ihre Bahnen durchs Aquarium.
Und die Kleinen erinnern mich daran, dass die größten Wunder manchmal kaum größer sind als ein Komma mit Schnurrbart.