Es gibt zwei Arten von Aquarianern.
Die einen sitzen entspannt vor ihrem Becken und freuen sich, dass alle Fische noch dieselbe Stückzahl haben wie gestern.
Die anderen entdecken einen Algenpunkt auf der Frontscheibe und verhalten sich, als hätte das Aquarium gerade die Pest eingeführt.
Ich war schon beide.
Das Internet hilft dabei übrigens überhaupt nicht.
Du öffnest irgendeine App und siehst Aquarien, die aussehen, als wären sie von Elfen mit Zahnseide gereinigt worden. Jeder Stein liegt exakt dort, wo ihn ein japanischer Zen-Mönch nach zwölf Jahren Meditation hingeschoben hat. Keine Alge. Kein Mulm. Keine Schnecke, die Unsinn macht.
Ich glaube, die Fotos entstehen in einem Zeitfenster von ungefähr 2,8 Sekunden. Danach kommt der Antennenwels ins Bild und denkt sich: „Ach, Ordnung? Finde ich überbewertet.“ Und dann pflügt er einmal quer durchs Layout wie ein Wildschwein mit ADHS.
Fertig ist der Landschaftspark.
Mein Aquarium dagegen…
…hat Charakter.
Charakter ist übrigens das Wort, das Erwachsene benutzen, wenn etwas völlig aus dem Ruder gelaufen ist.
Da wächst eine Pflanze nach links.
Eine andere nach rechts.
Eine dritte hat sich komplett verabschiedet und beschlossen, jetzt irgendwo hinter dem Filter ein neues Leben anzufangen.
Und der Javafarn?
Keine Ahnung. Der lebt wahrscheinlich inzwischen steuerfrei.
Dann diese Algenpanik.
Kaum taucht irgendwo ein grüner Flaum auf, rennen manche los und kaufen Mittelchen, deren Namen klingen wie Nebenwirkungen.
„Alga-Ex Ultra Mega Pro 9000.“
Das Zeug hört sich an, als würde es nicht nur Algen töten, sondern auch WLAN.
Dabei sagen Algen oft einfach nur:
„Hallo. Irgendwas läuft hier schief.“
Mehr nicht.
Sie sind im Grunde die Motorkontrollleuchte des Aquariums.
Nur grüner.
Und ohne nerviges Piepen.
Wobei…
…wenn Algen piepen könnten, gäbe es vermutlich Menschen, die versuchen würden, sie mit Watte zu dämmen, statt den Nitratwert zu messen.
Menschen sind faszinierend.
Wir kaufen für dreihundert Euro CO₂-Technik, damit eine Pflanze einen Millimeter schöner wächst.
Dann werfen wir jeden zweiten Tag acht Futtertabletten ins Becken.
Das ist ungefähr so, als würdest du dir einen Personal Trainer leisten und anschließend jeden Abend einen Eimer Vanillepudding essen.
Mit Sahne.
Die Fische interessiert das alles übrigens überhaupt nicht.
Die stehen morgens nicht auf und denken:
„Heute wirke ich auf Instagram etwas blass.“
Nein.
Die sehen Futter.
Ende der Tagesplanung.
Mein Skalarepärchen hat wahrscheinlich seit Jahren denselben Dialog.
„Futter?“
„Vielleicht.“
„Dann warten wir hier.“
Mehr passiert da nicht.
Und trotzdem schaffen wir Menschen es, aus jedem Aquarium ein Prestigeprojekt zu machen.
Der Nachbar hat klareres Wasser.
Der Kollege hat seltenere Garnelen.
Irgendjemand kennt jemanden, dessen Cousin angeblich seit 1987 keinen Wasserwechsel gemacht hat und dessen Neons jeden Morgen die Nationalhymne schwimmen.
Ja.
Sicher.
Ich glaube das sofort.
Direkt nachdem ich den fliegenden Panzerwels gesehen habe.
Vielleicht sollten wir unser Hobby einfach wieder genießen.
Ein Aquarium ist kein Möbelstück.
Es ist ein kleines Stück Natur.
Und Natur hat die unverschämte Angewohnheit, sich einen feuchten Kehricht dafür zu interessieren, was wir für perfekt halten.
Sie macht einfach ihr Ding.
Manchmal wächst Moos auf einem Stein.
Manchmal fällt eine Schnecke rückwärts von einer Wurzel.
Manchmal schaut dich ein Fisch so vorwurfsvoll an, als hätte du das Wasser eingesaut.
Und genau deshalb liebe ich dieses Hobby.
Weil es lebendig ist.
Perfektion ist steril.
Ein Aquarium darf Ecken haben.
Es darf Macken haben.
Es darf sogar mal aussehen, als hätte eine Wasserpflanze nachts heimlich getrunken.
Solange die Tiere gesund sind und du morgens mit einem Grinsen davor sitzt, läuft alles richtig.
Außer natürlich die Schnecke hängt kopfüber an der Scheibe und starrt dich an.
Dann beurteilt sie dich.
Da bin ich ziemlich sicher.