Es gibt Phänomene im Internet, die tauchen in schöner Regelmäßigkeit auf, wie saisonale Allergien oder Nachbarskinder mit Trompeten.
Eines davon: runde Aquarien.
Kaum ist wieder irgendwo eine Anzeige von Temu Deluxe Kugelwelt 3000 online, da poppt der Thread auf:
„Ich möchte mir so ein schönes Biorb kaufen. Kann mir jemand sagen, welche Fische da rein dürfen?“
Ja.
Kann ich.
Gar keine.
Es dürfen genauso viele Fische rein wie Fahrräder in eine Waschmaschine:
Es geht technisch irgendwie – aber nur einmal.
Wenn Design plötzlich wichtiger ist als Biologie
Diese kugelrunden Dinger sind ja angeblich „stylish“.
Stylish!
Als wären Fische kleine schuppige Interior-Designer mit Vorliebe für organische Formen.
Man stellt sich fast vor, wie der Guppy zum Betta sagt:
„Ich sag’s dir, Kevin… rechteckig ist einfach so 2023. Das triggert meinen Minimalismus.“
Nein.
Was Fische wirklich wollen?
Wasser, Platz, Sauerstoff – und keine Einrichtung, bei der sie das Gefühl haben, ihr Leben in einer Glasbowle auf der Hochzeitsfeier von Tante Ute zu verbringen.
Der Unlogik-Olymp: Die Kopfstoß-Theorie
Und dann diese immer wiederkehrende Begründung, die ich liebe…
also, hassen.
Aber auf eine Weise lieben muss, weil sie so unfreiwillig komisch ist:
„In rechteckigen Becken stoßen sich Fische den Kopf. Ein rundes Becken ist natürlicher!“
Ja.
Natürlich.
Die Natur ist berühmt für ihre runden Gewässer.
Ich denke da sofort an den berühmten Kreisssee von Hinterdupfingen, Durchmesser exakt 42 Zentimeter, Heimat der legendären Kopframmforelle.
Manchmal möchte ich in solche Diskussionen schreiben:
„Freunde… ich glaube, das ist Satire. Sagt mir bitte, dass das Satire ist. Bitte.“
Aber nein.
Das ist ernst gemeint.
Das ist schlimmer als Satire: Das ist Trendlogik.
Runde Aquarien – die biologischen Spaßkugeln
Ein rundes Aquarium bietet so viele Vorteile wie ein kabelloses Springseil:
Ein nettes Konzept, aber keiner weiß so genau, warum.
Die Lichtbrechung sorgt dafür, dass der Fisch rein optisch in einer Mischung aus Kirmesspiegel und optischem Labyrinth lebt.
Von außen sieht es hübsch aus.
Von innen sieht es aus, als hätte jemand die Realität durch eine Lupe gequetscht, die gleichzeitig Kopfschmerzen verursacht.
Und das Strömungsbild in solchen Kugeln?
Das ist nicht „natürlich“.
Das ist „Wasserphysik unter Drogen“.
Der Filter, so klein wie ein Roll-On-Deo, versucht verzweifelt, gegen die Totzonen im unteren Drittel anzukämpfen.
Einmal nicht aufpassen und man hat eine lokale Algenzucht, die allen Regeln der Logik widerspricht und vermutlich ein eigenes Ökosystem anmeldet.
Und dann kommen sie wieder… die Trendwellen
Es passiert ungefähr alle 6 bis 8 Wochen.
Wie Mondzyklen, nur ohne Romantik.
Jemand postet ein Video auf TikTok:
So ein perfekt ausgeleuchtetes Kugelaquarium, bepflanzt wie ein Zen-Garten, darin schwebt ein einzelner Betta, der vermutlich kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht, aber immerhin mit wunderschön saturierten Farben.
Prompt stehen die Kommentarspalten in Flammen:
„Ooooh, wie süüüß!“
„Das will ich auch!“
„Welche Fische passen da rein??“
Und wir Aquarianer sitzen davor, kratzen uns am Kopf, trinken einen Schluck zu irgendwas Stärkerem und sagen:
„Leute… das ist ein Deko-Objekt. Ein Landschaftsbecken. Da kommen Garnelen rein. Schnecken. Mooskugeln. Vielleicht eine Minifigur aus einem Überraschungsei. Aber bitte doch keine Fische!“
Doch die Trendwelle lässt sich nicht aufhalten.
Sie bricht über die Foren hinein wie ein schlecht gelaunter Delfin in einem Kinderplanschbecken.
Das Paradoxon der Aquaristik: hübsch schlägt vernünftig
Es scheint ein universelles Gesetz zu sein, dass Menschen Dinge kaufen, die hübsch sind, auch wenn sie biologisch so sinnvoll sind wie ein Regenschirm aus Toastbrot.
Ein rundes Aquarium ist genau dafür gebaut:
für Instagram.
Für Pinterest.
Für „Mein Wohnzimmer sieht aus wie ein Spa, in dem keiner entspannen kann“.
Es ist nicht dafür gebaut, dass dort ein Lebewesen sein komplettes Dasein fristet.
Aber das fällt erst nach dem Kauf auf, wenn der neue Besitzer merkt:
„Oh… ich muss ja Wasser wechseln?“
Ja.
Muss man.
Fische sind nämlich keine LED-Lichterkette.
Die leben.