Es gibt Momente im Leben, da steht man im Baumarkt vor einem Mörtelkübel und denkt: „Heute gründe ich eine Zivilisation.“
Normalerweise endet das mit einer Modelleisenbahn oder einer schlecht geplanten Kaninchenzucht.
Bei mir waren es Artemia.
Salinenkrebse.
Das klingt wie eine Steuerklasse für Hummer.
Tatsächlich handelt es sich um winzige Krebse, die aussehen, als hätte ein Wissenschaftler versucht, eine Garnele aus Büroklammern und Hoffnung zusammenzubauen.
Diese Viecher leben in Wasser, das so salzig ist, dass selbst die Nordsee daneben wirkt wie ein stilles Mineralwasser für sensible Orchideen.
Und genau deshalb faszinieren sie mich.
Die Natur hat sich irgendwann hingesetzt und gesagt:
„Weißt du was? Lass uns ein Tier erschaffen, das freiwillig dort lebt, wo jede andere Kreatur nach drei Minuten anfängt, Gott um Verzeihung zu bitten.“
Artemia fanden die Idee offenbar gut.
Also kaufte ich einen Mörtelkübel.
Neunzig Liter.
Schwarz.
Sieht aus, als würde man darin entweder Beton anrühren oder einen Bond-Bösewicht verstecken.
Man füllt Wasser hinein.
Dann Salz.
Viel Salz.
Nicht „eine Prise“.
Nicht „nach Geschmack“.
Sondern Mengen, bei denen Nachbarn glauben, man wolle einen mittelgroßen Kabeljau einpökeln.
Irgendwann steht man da und hat einen Kübel, der chemisch betrachtet näher an einer Saline liegt als an einem Gartenteich.
Und dann wartet man.
Das ist der Punkt, an dem normale Menschen das Interesse verlieren.
Artemia-Halter nicht.
Wir stehen vor einem Eimer mit Salzwasser und beobachten Algen.
Stundenlang.
Mit der Konzentration eines Astronauten beim Wiedereintritt in die Atmosphäre.
Denn die Artemia brauchen Algen.
Das ist ihr Buffet.
Ihre Currywurst.
Ihr Drei-Sterne-Menü.
Wenn genug Algen da sind, schlüpfen die Nauplien.
Das sind Baby-Artemia.
Sie sind so klein, dass man sie zunächst nur erkennt, wenn man den Kübel betrachtet wie ein Verschwörungstheoretiker eine Satellitenaufnahme.
Plötzlich bewegen sich winzige Punkte.
Und dann passiert etwas Seltsames.
Man entwickelt Gefühle.
Für Salzkrebse.
Man geht morgens raus.
„Guten Morgen, meine kleinen Salzwikinger.“
Abends nochmal.
„Na? Alle noch da?“
Man wird zum König eines Reiches, das aus 90 Litern Wasser und ungefähr drei Milliarden Organismen besteht.
Die Nachbarn beobachten das.
Sie sprechen nicht darüber.
Aber sie beobachten es.
Jetzt kommt allerdings der Moment, an dem Aquarianer plötzlich sehr aufmerksam werden.
Denn Artemia sind nicht nur faszinierende kleine Überlebenskünstler.
Sie sind für viele Aquarienfische ungefähr das, was für Menschen ein All-inclusive-Buffet mit Freibier, Schnitzel und Nachtisch ist.
Sobald ein Fisch Artemia sieht, schaltet im Gehirn irgendein uralter Instinkt auf Disco-Beleuchtung.
Da wird nicht mehr überlegt.
Da wird gejagt.
Ein Schwarm Salmler verwandelt sich in Sekunden in eine Horde Piranhas auf Koffein.
Buntbarsche vergessen jede Würde.
Guppys benehmen sich wie ein Rudel Labradore vor einem heruntergefallenen Würstchen.
Und Jungfische?
Für Jungfische sind frisch geschlüpfte Artemia praktisch der heilige Gral.
Proteinreich.
Nahrhaft.
Lebendig.
Perfekt beweglich.
Die Natur hat sie offenbar eigens konstruiert, damit kleine Fischbabys möglichst schnell groß werden und anschließend alles fressen können, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.
Der eigentliche Wahnsinn ist aber:
Während andere Aquarianer teures Frostfutter kaufen, Tütchen bestellen, Lieferungen erwarten und Preise vergleichen, steht der Artemia-Halter im Garten vor seinem Kübel und schöpft mit einem feinen Netz einfach ein paar hunderttausend Snacks aus seinem privaten Salzwasser-Imperium.
Das hat etwas zutiefst Befriedigendes.
Man fühlt sich wie ein mittelalterlicher König, der seine eigenen Felder bestellt.
Nur dass die Ernte aus winzigen Krebsen besteht und die Untertanen Guppys heißen.
Artemia haben noch eine weitere Eigenschaft, die ich zutiefst respektiere.
Wenn die Bedingungen schlecht werden, legen sie Dauereier.
Diese Eier können austrocknen, einfrieren und Jahre überleben.
JAHRE.
Andere Lebewesen brauchen Wellness, Coaching und drei Wochen Bildungsurlaub.
Artemia sagen:
„Kein Problem. Ich bin dann mal fünf Jahre tot. Bis später.“
Das ist eine beeindruckende Lebensstrategie.
Vielleicht die beste überhaupt.
Der Winter kommt.
Der Kübel trocknet aus.
Alles scheint vorbei.
Der Mensch trauert.
Die Amsel singt.
Irgendwo spielt jemand Blockflöte.
Und tief unten im Salzschlamm liegen Millionen Artemia-Eier und denken:
„Der glaubt auch alles.“
Dann kommt der Frühling.
Wasser rein.
Zack.
Wieder Leben.
Als hätte jemand auf „Fortsetzen“ gedrückt.
Ich finde, wir können von Artemia viel lernen.
Gelassenheit zum Beispiel.
Wenn alles schiefläuft, nicht in Panik geraten.
Einfach ein Ei werden.
Warten.
Vielleicht drei Jahre.
Dann weitermachen.
Nicht die schlechteste Philosophie.
Und so stehe ich manchmal im Garten vor meinem Mörtelkübel.
Die Sonne scheint.
Die Algen blühen.
Milliarden winziger Krebse rudern durch ihr salziges Universum.
Gleichzeitig sitzen drinnen die Fische im Aquarium und ahnen nicht, dass dort draußen gerade ihre persönliche Fast-Food-Kette produziert.
Frisch.
Regional.
Nachhaltig.
Mit kurzen Lieferwegen.
Kürzer geht kaum.
Vom Mörtelkübel direkt ins Aquarium.
Bio-Siegel gibt’s keines.
Aber die Fische würden vermutlich fünf Sterne vergeben.
Das Leben ist schon merkwürdig.
Von außen sieht es aus wie ein Eimer mit Salzwasser.
Von innen ist es ein Imperium.
Und irgendwo dort unten schwimmt wahrscheinlich ein Artemia und erzählt seinen Freunden von dem riesigen Wesen am Rand des Himmels, das jeden Tag auftaucht, ins Wasser starrt und aussieht, als hätte es die Fernbedienung für die Realität verloren.
Wahrscheinlich ahnt dieser kleine Krebs nicht einmal, dass er gleichzeitig Bewohner eines Königreichs, Philosoph, Überlebenskünstler und das begehrteste Fischfutter der Welt ist.